Samstag, 9. August 2025

I did it Myway ...

 





Ich fürchte, ich war nie stromlienienförmig, auch wenn ich das oft so gern gewesen wäre. Das Leben ist schon einfacher, wenn man einfach angepasst ist. Aber das ist mir schon als Kind nicht so wirklich gelungen. Schon damals schlummerte in mir der "Advocatus diaboli" - wenn alle der gleichen Meinung sind, musste ich das hinterfragen, die andere Seite beleuchten - was nicht zwingend dazu führte, dass ich mich dieser auch anschloss. Aber die Beliebten, die Anführer wollten deswegen meist mit mir nichts zu tun haben, da ich kein einfacher "Follower" war. Anführer sein in diesem Sinne wollte ich auch nicht. Also waren es meist andere Außenseiter, auf die eine oder andere Weise ...mit denen ich mich verbunden fühlte.

In der Grundschule gab es eine Corinna, die sogenannte Schlaghosen trug, also Hosen mit ab Knie weiten Beinen. Waren halt damals grad nicht en vogue und insofern wurde sie zum Zielpunkt des Spottes. Ja, anfangs fand ich die Hosen auch doof und Corinna suspekt. Warum trug die sowas. Die heute naheliegenden Gründe - sie hatte nichts anderes, fielen mir damals gar nicht ein.  Trotzdem habe ich irgendwann zu ihr gesagt, dass ich ihre Hosen eigentlich ganz schick finde. Ich wollte ihr einfach etwas nettes sagen, ein gutes Gefühl geben. Hat nicht so wirklich funktioniert, vermutlich hielt sie mich für eine Heuchlerin oder Opportunistin - aber ich glaube, das war der Anfang von mir. Sch.... auf die anderen, höre auf dein Herz, hab Empathie, sei du selbst - es kommt nicht darauf an, wie viele dich mögen so lange es die richtigen tun. Das war so ca. 1969. Andere hatten da ganz andere Rebellionen ... 

Und ich blieb ein kleiner Rebell. Auch wenn ich das nie so empfunden habe oder auch nicht um der Rebellion an und für sich tat. Ich habe andere Menschen einfach mit anderen Augen gesehen als andere. "Schwul" war damals nicht cool und Regenbogen oder Queer undenkbar. Trotzdem hatte ich in meinem Umfeld immer wieder Freunde "vom anderen Ufer", wie man damals diplomatisch umschrieb. Als ich 1983 Piti geheiratet habe (der als Ex-Knasti aus einem spanischen Gefängnis auch nicht so ganz wirklich in die Kategorie "passender Umgang" (eine Kategorie, die meinen Eltern wichtig war) fiel), hatte ich Klaus und Detlev als Trauzeugen vorgesehen. Ziemlich überraschend sagte dann meine Mutter, dass sie meine Entscheidung mit der Ehe (ich war gerade erste geschieden) zwar nicht gutheiße, sie aber trotzdem zu meiner Hochzeit kommen würden, um an meiner Seite zu sein und mir Glück zu wünschen. Damals war ich weit von einem guten und entspannten Verhältnis zu meinen Eltern entfernt - trotzdem trieb ich noch 2 für meine Eltern adäquate Trauzeugen auf ... keine Rebellion um der Rebellion willen ... 

Nach der Hochzeit versuchte ich es mal als seriös und begann meine Ausbildung zur Werbekauffrau. Ich war die erste Azubine dort und das kam mir sehr entgegen, weil ich von Anfang an selbständig arbeiten konnte oder auch musste. Unvergessen die Lautsprecherdurchsagen im Berufsschuluntericht, dass ich doch bitte mal ins Sekretariat ans Telefon kommen soll - ohne mich ging halt nicht ...

Ja, dass machte mich wohl auch ein wenig überheblich. Als die ersten "echten" Azubis anfingen, und wir dann tatsächlich einen echten offiziellen Azubi-Betreuer hatten, war das für mich auch kein Problem. Aber für die anderen, die meine Sonderrolle nicht akzeptieren konnten oder wollten. Wolfgang Andersch fragte mich dann irgendwann mal ganz direkt, ob es mir Spaß macht, so unbeliebt zu sein. Hääh??? Ich hatte das eingentlich nie so wahr genommen, aber da ich nicht unbeliebt sein wollte - jedenfalls nicht bei Menschen, die ich ja eigentlich mochte - nein, ich habe weder mich noch mein Verhalten geändert, nur meine Wahrnehmung, meine Empathie und somit dann wohl doch mein Verhalten - jedenfalls war Wolfgang total begeistert von "seinem" Erfolg ...

Dann kam ein neuer Azubi. Da hatten wir anderen ganz modern Mitspracherecht, welcher Bewerber es denn werden sollte.  Benno war cool. Und er hat in der kurzen Zeit den Laden richtig aufgemischt.

Konventionen waren definitiv nicht sein Ding. Vermutlich einer der Gründe, warum wir uns so gut verstanden haben. Das er schwul ist, hat er mir ziemlich sofort gesagt. War für mich auch kein Thema, höchstens ein bisschen schade, aber er war eh zu jung für mich. Die anderen wussten übrigens nichts davon, dass er schwul ist und der Blick meines Vorgesetzten, als er an uns vorbei ging während Benno meinen Nacken massierte, war unbezahlbar. Mit Benno war ich dann auch im Kino, der erste Bond mit Timothy Dalton. Nach dem Film sind wir in eine Schwulenbar, die treffender Weise "Come back" hieß, haben ganz cool an der Bar 2 Martini, aber geschüttelt und nicht gerührt bestellt und dann so richtig abgetanzt. 

Benno hat sich dann verliebt. Nicht in mich sondern in Raphi, einen Ballettänzer  - ja hier werden mal wieder alle Klischees bedient ...

Raphi hatte einen Auftritt im Nürnberger Schauspielhaus (ja, das war der Spielort der aktuellen Serie) und Benno lieh sich das Firmenauto, mit seiner Visitenkarte einen Anzug bei einem angesagten Modehaus zu angeblichen Fotoaufnahmen und von unserem Chef noch ein paar Schuhe ... Nein, das konnte nicht gut gehen und es ging auch nicht gut. Benno und Raphi waren zwar ein Paar - aber Benno flog in hohem Bogen raus und bei der Neubesetzung der Azubistelle hatten wir überraschenderweise kein Mitspracherecht mehr ...

Benno und ich blieben Freunde. Diesmal war ich die erste, die erfuhr, dass er HIV-Positiv war. Raphi auch. Die beiden luden mich zum Essen in ihre Bude ein. Wir haben uns wie immer zur Begrüßung auf den Mund geküsst und ich habe gegessen. Nein, keine Rebellion um der Rebellion willen, sondern Authentiziät. Lieber tot als ein Verräter, als feige. Damals wusste man noch nicht so viel über Aids und damals war es ein Todesurteil mehr oder weniger schnell. Das war rdb 1987 und ich blieb mit Benno, der dann nach Leipzig zog, in Kontakt und er hat mich 1992 in Oberreifenberg besucht, danach weiß ich leider nichts mehr von Benno. Vergessen habe ich ihn nie. 

Apropos Oberreifenberg. Als ich erfuhr, dass mein Mann mich betrügt, bewarb ich mich bei diversen Frankfurter Werbeagenturen und begann 1988 im Westend eine Karriere als Texterin und Konzeptionerin. Die Wohnung in Oberreifenberg war einfach nur ein Traum. Offene Küche mit Holzbalken, Terrakottafliesen und eine riesige Terrasse mit Blick ins Tal. Ich habe den Makler so lange genervt und täglich angerufen - was ja eigentlich nicht so mein Ding ist - bis ich die Zusage hatte.

Nun traten Wolf und Michael (englische Aussprache bitte) in mein Leben. Und noch ein paar unkonventionelle Gestalten ... Wolf wohnte über mir, arbeitete bei AP (Associatet Press) als Auslandskorrepondent und hatte wohl mehr gesehen, als er verkraften konnte. Wir waren mal Kaffee trinken im Nachbarort und da erklärte er mir, wie wichtig es ist, immer so zu parken, dass man jederzeit fliehen kann (so wie Agility-Leistungsrichter das ja auch tun ...)

Manchmal sah ich ihn im Anzug, manchmal trug er ein orangefarbiges Gewand buddhistischer Mönche - ein Stück davon habe ich heute noch. Wolf kümmerte sich um 2 äthiopische junge Menschen, die ihn und somit mich ab und zu besuchten. Nein, ich hatte nie etwas mit Wolf, wir verbrachten einfach nur viel Zeit zusammen. Und ich habe mich tatsächlich nie gefragt, ob er mehr gewollt hätte. Denn ich wollte das nicht. Michael wohnte auch irgendwo am Brunhildensteg und war Halbchinese. Sein Traum war es, einen Studienplatz in München an der Film-Uni zu bekommen. Ich schrieb Stunden an Timelines von irgendeinem Film mit einem abgestürzten Flugzeug und hing später in Fallschirmspringer-Montur an einem Baum im Nirgendwo für Fotoaufnahmen für seinen Drehbuchentwurf. Hat dann leider nicht geklappt, was nun wirklich nicht an meinem Engagement lag ...

Verheiratet war ich immer noch mit Piti, der in Korea lebte und für seine Firma eine Dependance aufbaute. Und - man kann zwar mit mir rechnen, aber rechnen kann ich nicht, und so wurde ich bei einem seiner Heimaturlaube schwanger. Die Fußball-WM war ein Brunhildensteig-Event und auch ohne Alkohol einfach nur Mega.


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