hmm, ist das Leben eine Aneinandereihung von Zufällen? Oder ist alles vorherbestimmt? Determismus vs. Freiheit? Entscheide ich im Rahmen meiner Möglichkeiten, die von Genetik, Erziehung, Entwicklung und dem Ergebnis voran gegangener Entscheidungen vorgegeben sind?
Ich diskutiere das tatsächlich gerade mit Chatjpt. Unter besonderer Berücksichtung von Kant, Descartes, Religion ...
Vorläufiges Ergebnis: (M)ein Leben ist wie ein großes Schienennetz. Schienen sind zum Beispiel Naturgesetze (ich bin kein Vogel und kann nicht fliegen), genetisch bedingte Anlagen (ich bin empathisch, kein Hanibal Lecter, ich habe Wehwehchen aber keine chronischen Defekte). Die Weichen sind meine bewussten Entscheidungen - wobei ich natürlich nie weiß, wohin die Reise dann geht. Stelle ich eine Weiche, geht ein Weg verloren - andere öffnen sich. Wie beim interaktiven Storytelling. Wobei es da keinen Zufall gibt. Aber ich denke, im richtigen Leben schon.
Worum geht es im Leben? Glück? Erfüllung? Liebe? Vermeiden von Schmerz?
Ich glaube, das gehört so zu den Weichen, die man stellt. Was einem wichtig ist.
Geprägt hat mich meine Familie. Meine Großeltern, Unna und Pa. Mama und Papa. Als wir noch in Braunschweig gelebt haben, sind wir am Wochenende immer raus ins Grüne. Langweilige Waldspaziergänge hat mein Papa immer aufgelockert, in dem er mich "als Kundschafter" voraus geschickt hat. Er hat mich auf Bäume gesetzt (kleine Bäume) und wir haben Picknick gemacht.
Vielleicht glorifiziere ich die Ehe meiner Eltern und Großeltern (ja, im Nachhinein weiß ich, dass ich das tue), aber für mich war immer klar: Wenn ich groß bin, will ich auch mal "lieben".
Und da Geduld noch nie zu meinen Kernkompetenzen gehört hat, find ich beizeiten an. Helmut Sturm, ich glaube den habe ich auf dem Kur-Laub in Helgoland getroffen. Ich war 5, er 15. Er hat mich gar nicht zur Kenntnis genommen. Aber ich habe von ihm geschwärmt. (Und ich hätte es vergessen, aber ich habe es dummerweise mal meinen Eltern erzöhlt, und die haben dafür gesorgt, dass es niemals nie vergessen werden wird.
Mein nächster Schwarm, an den mich meine Famlie lebenslang erinnert hat, war ein blond gelockter Gardian, so eine Art französicher Cowboy. Wir waren in Südfrankreich, Les Saintes Maries de la Mer. Für mich das erste Mal. Für meinen Vater war es schon ornithologisch sein "gelobtes Land" seit er irgendwann in Jugendtagen mal einen "Lichtbildvortrag" über die Camargue gesehen hatte. Anfang der 70er Jahre hat er sich in Begleitung meiner Mutter diesen Traum erfüllt. Campingplatz, kleines Zelt, klappriger VW. Ich wurde ins Ferienlager geschickt, mein Bruder zu den Großeltern. Zu dieser Zeit war mein Vater Assistent des Duisburger Zoodirektors Dr. Wolfgang Gewalt. Papa musste immer noch seinen Studienkredit zurückzahlen, finanziell war es nicht üppig. Doch wenige Jahre später - Papa hatte mittlerweile seinen "eigenen" Zoo in Heidelberg, packte er Frau und Kinder ein und es ging in das Licht und die Farben des Südens. Geld hatten meine Eltern immer noch nicht, wir hatte ein kleines Zelt, meine Luftmatratze gab mindestens einmal pro Nacht den Geist auf. Wir waren auf dem Campingplatz La Brise, direkt an einem kleinen Wasserlauf - und das Mittelmeer fast direkt vor der Zelttür. Ich war 14, Pubertät, Rebellion, voller Verlangen nach Freiheit und Abenteuer. Dieser blonde Gardian, der auf seinem weißen Camargue-Pferd die Touristen auf dem staubigen Pfad auf der anderen Seite des Gewässers vorbeiführte, triggerte genau meine Sehnsucht. Jedes Mal, wenn ich das Klappern der Hufe hörte, kämmte ich mir schnell die Haare und schaute sehnsüchtig über das Wasser - was bei meiner Familie leider weniger auf Verständnis stieß denn zu ziemlich gnadelosen Spott führte. War natürlich sehr tröstlich für einen Teenager im hormonell-emotionalen Chaos - aber auch dies ist Teil der Familie Poley. Nicht umsonst bekam mein späterer Ehemann (ja, ich habe tatsächlich jemand gefunden ...) die Wahl zwischen zwei Lebensmotti: Der Gerechte muss viel leiden - oder: Unter Räubern gibt es kein Mitleid. Piti hat sich schon am nächsten Tag für Motto 2 entschieden - das mit dem Leiden kommt in dieser Familie ganz von selbst ...
Irgendwie entwickelt sich diese Geschichte genau so wie Tristam Shandy. Der will seinen mehr oder weniger geneigten Lesern von seiner Geburt erzählen. Dazu kommt es allerdings nie. Oder zumindest nicht im ersten Drittel des Buches, mehr habe ich nicht gelesen - zur nachhaltigen Enttäuschung meines Ehemannes, der irgendwie davon ausgegangen war, ich fände das Buch so spannend und lesenswert wie er.
Aber gut, zurück in die 70er, nach Les Saintes Maries de la Mer. Für mich war es tatsächlich der Beginn einer nie endenden Leidenschaft. Das Licht und die Farben, der Wind und die salzige Luft, die Gerüche nach Meer, Fisch, Gewürzen, Oliven. Viele Marrokaner, viele Zigeuner, die man damals noch so nennen durfte, wenig Touristen. Ein paar Andenkenläden rund um die Festungskirche, die schon aus der Ferne Maries dominierte. In der Sakristei diese schwere Stille, das gedämpte Licht durch die bunten Fenster und die vielen Kerzen, die vor dem Marien brannten. Die Statue ihrer schwarzen Dienerin Sara, die Schutzpatroning der Sinti und Roma, die jedes Jahr an Pfingsten ins Meer getragen wird, um an ihre Ankunft über das große Wasser zu erinnern, steht unterirdisch in einer kleinen Krypta, gehüllt in prunkvolle Gewänder. Neben ihr ein Gefäß für Bitten an die heilige Sara und Dank für erfüllte Wünsche und Heilung. Die Luft ist warm von den unzähligen Kerzen, es riecht nach heißem Wachs.
Meine einzige Bitte an Sara: ich möchte wieder hierherkommen. Das ist jetzt 50 Jahre her - und es blieb bei jedem meiner unzähligen Besuche in der Camargue auch der einzige - außer dem, dass der Rest der Familie ebenfalls heil eintreffen und wiederkommen sollte.
Zurück in der Wirklichkeit, den schmalen Gassen von Maries, gab es für uns Kinder eine Orangina und ein Stück Baguette. Vor dem Zelt grub mein Vater ein Loch und improvisierte mit einem Stück Draht einen kleinen Grill. Ja, es war eher ärmlich, aber das warme Licht auf der Salikornie, das leuchtende Blau des Etang, die Rufe der Flamingos, die wie fliegende Streichhölzer über den Campingplatz flogen, das immerwährende Geschrei der Möwen und Seeschwalben - ab und zu riss mein Vater sein Fernglas hoch und nahm ein paar Limikolen ins Visier ...
Chronologie ist etwas für den Geschichtsunterricht. Oder irgendwelche Annalen. Ich sitze gerade auf dem Otzberg, Hessen, genau in Ober-Klingen. Meine jüngste Tochter ist zu Besuch. Eigentlich wollten wir auf ein Krimi-Dinner im Odenwald. Aber das Event wurde gecancelt. Und nun haben wir gekocht, gegessen und schauen Serien. Wir, das ist auch Peter, mein Ehemann. Der dritte und hoffentlich letzte. Er ist meine ganz große Liebe. Neben uns unsere 4 Hunde, 3 Shelties, Myway, Lasse und Taran und Border Collie Jaro. Agilityhunde, mit denen wir die Wochenenden in unserem Caravan in Östringen verbringen.
Eine Zeitreise von der Camargue in den 70ern nach 2025. Es ist viel passiert. Viel Schönes und viel Nervenaufreibendes. Gewinne und Verluste. Vielleicht sollte ich doch noch mal in die 1970er und die Chronologie einsteigen ...
Zurück aus meinem persönlichen Traum nach Heidelberg. Neue Schule. Gymnasium. Mädchenschule. Katholisch, strenge Nonnen aber auch weltliche Lehrer. Eine Rektorin, die mich mit ihrer Fairness und ihrem Gerechtigkeitsinn geprägt hat.
Meine neuen Mitschüler mussten meinen Urlaubsenthusiasmus miterleben. Noch Jahre später wurde liebevoll gelästert, dass jeder zweite Satz von mir mit "als ich in der Camargue war ..." begann. Es gibt so viele unvergessliche Momente an Schulspeisung mit dem morgendlichen Kakao. An Sportunterricht, wo wir am liebsten Volleyball gespielt haben - aber natürlich trotzdem vorher das Pflichtprogramm an Geräten abarbeiten mussten. An die Tischtennis-AG wo ich richtig gut war. Diesen ersten sommerlichen Moment, wo ich auf dem Schulhof saß und den Rock bis zu den Knien hochzog. Wärme genoß. Und dann plötzlich das Klopfen mit einem Gehstock auf meiner Schulter. "Ein anstängiges Mädchen sitzt nicht so da", meinte die bucklige Nonne, Spitzname Giftzwerg. Ich war 17 und immer noch rebellisch. "Ich bin kein anständiges Mädchen". "Das weiß ich ..." sie sah mich an und war überzeugt, dass ich in der Hölle landen würde ...







