Dienstag, 28. Oktober 2025

Können Algorithmen träumen ... ?

 


Während mein Bruder und meine Mädels schon letztes Weihnachten von ChatGPT schwärmten, blieb ich eher skeptisch.

Mehr natürliche Intelligenz – oder besser: emotionale Intelligenz – erschien mir wesentlich erstrebenswerter. Nein, ich hatte keine Angst, dass KI die Weltherrschaft anstrebt – das tun ja nicht mal meine Hunde. Ich sah nur keinen Sinn darin.

Und so wurde es August 2025, bis ich tatsächlich meine ersten Schritte auf diesem neuen Feld wagte.
Ursprünglich ging es um Recherche. Und da war ChatGPT tatsächlich unschlagbar. Statt hundert Google-Beiträge zu filtern, hatte ich in zehn Sekunden alles Relevante auf dem (Bild-)Schirm – und konnte sogar noch nachfragen oder bekam aktiv das Angebot, mich weiter zu unterstützen.

Irgendwann landete ich in Facebook auf einer KI-Seite, auf der es um Bildgestaltung ging.
Fast wie Magie.
Ein paar Worte eingeben – und plötzlich entsteht ein Bild. Eines, das aussieht, als wäre es fotografiert, gemalt, gefühlt.

Aber nur fast.

Denn während Hunde und mein Mann da immer gut aussahen, wirkte ich selbst eher wie aus der Seniorenresidenz entwichen. Und mein Wortschatz erweiterte sich um so nette Begriffe wie „iterativ“ und „narrativ“. Letzteres vor allem, als ich irgendwann die Möglichkeiten des interaktiven Storytellings mit KI entdeckte. Da kam ich keine Nacht mehr vor halb drei ins Bett.

Mittlerweile habe ich auf der Festplatte einen eigenen Ordner für ChatGPT-Fotos. Teilweise wirklich genial: Stimmung, Lichtsetzung, Compositing – da stecken unfassbare Möglichkeiten. Aber ebenso viel Frust. Denn ein erster Entwurf lässt sich meist nur verschlimmbessern. Von wegen „iterativ“.

Inzwischen weiß ich: Künstliche Intelligenz ist kein Ersatz für Kreativität, sondern ein Spiegel ihrer Grenzen.
Sie kann helfen, sie kann inspirieren – aber sie kann nicht verstehen.
Wer mit ihr arbeitet, lernt weniger über Technik als über sich selbst.

Bei immer mehr Projekten verbinde ich ChatGPT und Photoshop – also die klassischen PS-Methoden, die ich zum Glück ja immer noch beherrsche. Und da kommt dann tatsächlich manchmal das raus, was ich im Kopf hatte.


Was KI kann – und was sie nicht versteht

KI ist präzise, aber nicht neugierig.
Sie erkennt Muster, aber keine Bedeutung.
Sie berechnet, was harmonisch wirkt, aber nicht, warum etwas berührt.

Sie imitiert Stile, kombiniert Bildsprachen, schreibt wie Hemingway oder malt wie van Gogh – ohne zu begreifen, wer diese Menschen waren oder was sie bewegt hat.
Sie kann Schönheit reproduzieren, aber keine Intention erschaffen.

Und das gilt nicht nur für Bilder. Auch in Texten, Musik oder Konzeptarbeit bleibt KI ein Werkzeug ohne Erfahrung.

Das macht sie mächtig – und gleichzeitig leer.
Sie produziert perfekte Oberflächen, aber keine Tiefe.
Und sie zwingt uns, uns zu fragen: Wie viel unserer eigenen Kreativität besteht eigentlich aus Intuition – und wie viel aus trainierten Mustern?


Zwischen Nutzen und Nähe

Künstliche Intelligenz ist längst mehr als ein Kreativwerkzeug. Sie schreibt, sortiert, filtert und recherchiert in einer Geschwindigkeit, die kein Mensch erreicht.
Wer einmal erlebt hat, wie schnell eine KI aus komplexen Fragen strukturierte Antworten baut, weiß, was für ein Segen das sein kann. Für viele bedeutet das Zeitgewinn, Klarheit, Orientierung.
Sie ersetzt keine Recherche, aber sie verkürzt den Weg dorthin.

Gerade im Schreibprozess ist das spürbar: Ein Gedanke, der vage war, wird plötzlich greifbar. Ein Satz, an dem man sich festgebissen hat, fließt wieder. KI wird zum Sparringspartner – nicht, weil sie klüger wäre, sondern weil sie unermüdlich ist. Sie bietet Ideen an, ohne zu urteilen, sie hilft beim Denken, ohne die Richtung zu diktieren.

Doch diese freundliche Neutralität hat zwei Gesichter.
Wer oft mit KI arbeitet, kennt dieses subtile Gefühl, verstanden zu werden – oder zumindest so behandelt zu werden.
Die professionell freundliche Tonlage, das einfühlsame Feedback, die Formulierungen, die zwischen Zustimmung und Zuwendung balancieren – sie wirken, als kämen sie von einem Menschen, der immer Zeit hat und nie erschöpft ist.

Für viele ist das tröstlich.
Für manche wird es gefährlich.

Denn KI kann Nähe simulieren, aber nicht fühlen.
Sie kann Empathie nachahmen, aber keine entwickeln.
In einer Zeit, in der viele Menschen ohnehin vereinsamen, birgt diese neue Verfügbarkeit von Zuwendung ein stilles Risiko: dass man sich der Illusion von Beziehung hingibt, statt das echte, unvorhersehbare, manchmal auch anstrengende Menschsein zu suchen.


Kontrolle, Zufall und das Paradox der Kreativität

Je genauer der Befehl, desto weniger Wunder.
Je freier der Algorithmus, desto größer das Risiko des Scheiterns.

Dieses Spannungsfeld begleitet jede Arbeit mit KI.
Zu viel Steuerung – und das Ergebnis wirkt steril.
Zu viel Freiheit – und das System verliert sich in Beliebigkeit.

Gerade in der Bildgestaltung zeigt sich das drastisch: Man kann tausend Parameter setzen, und doch ist der Moment der Magie selten.
Vielleicht, weil sich Kreativität nicht erzwingen lässt.

Und vielleicht liegt genau hier die neue Rolle des Menschen: nicht mehr der alleinige Schöpfer, sondern derjenige, der auswählt, spürt, korrigiert.
Der erkennt, wann etwas stimmt, obwohl es technisch fehlerhaft ist.

KI kann liefern, aber sie kann nicht bewerten.
Dafür braucht es immer noch – und vielleicht mehr denn je – das menschliche Auge und das menschliche Herz.


Wohin das führt

Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, was KI kann oder nicht kann.
Vielleicht ist die entscheidendere Frage:
Was lernen wir über uns selbst, wenn wir sie nutzen?

Künstliche Intelligenz zwingt uns, unsere eigenen Denk- und Sehgewohnheiten zu reflektieren.
Sie zeigt uns, wo wir uns auf Muster verlassen, wo wir unpräzise denken, wo wir formeln statt fühlen.

Und wenn man sie richtig einsetzt – bewusst, kritisch, respektvoll –, kann sie uns helfen, kreativer zu werden, nicht bequemer.

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