Mittwoch, 10. August 2022

Unter Räubern gibt‘s kein Mitleid …


In wenigen Tagen jährt sich Papas Todestag. Ich kann immer noch nicht an ihn denken, ohne dass ich anfange zu weinen. Aber in den letzten Tagen ist es besonders hart. Die Erinnerung an die Feier zur Diamantenen Hochzeit am 21. Juli - gefühlt der letzte wirklich glückliche Tag meines Lebens. Der 25. Juli - doppelter Kreismeister mit beiden Shelties - aber Abends brach Papa zusammen und kam ins Krankenhaus, das er nur noch zum Sterben verlassen sollte. In den letzten Monaten habe ich gelernt, mir nicht die Schuld zu geben, dass er diese entsetzlichen Wochen leiden musste. Habe verstanden, dass wir die Zeit brauchten, um Abschied zu nehmen. Und dass es gut war, dass ich vor Ort war und er nicht einfach auf seinem Stuhl oder der Treppe verreckt … sorry, verstorben ist. Die Frage nach dem Sinn, dem Warum hat sich dadurch nicht beantwortet. Und das Gefühl des Verlustes ist nicht erträglicher geworden. Ich vermute, keiner in meinem Umfeld weiß wirklich, wie es mir geht.  Nicht mal die engste Familie. Wie meine Eltern mir das vorgelebt haben, versuche ich alles, mit mir allein auszumachen. Ich rede so viel mit meinen Eltern, erzähle ihnen, lache, erinnere mich an tolle Zeiten - vermutlich ist das auch genau das, was sie von mir erwarten. Papa hat Piti beim Eintritt in die Familie die Wahl zwischen 2 Motti gestellt: Der Gerechte muss viel leiden - oder: Unter Räubern gibt‘s kein Mitleid. Piti hat sich nach anfänglicher Disorientierung für das Motto entschieden, was dann in unsere Familiengeschichte einging und sogar die Geburtsanzeige unserer Erstgeborenen zierte. UNTER RÄUBERN GIBT‘S KEIN MITLEID. Vermutlich ist es Zeit, den Kopf in den Nacken zu werfen, Krönchen zu richten und weiterzuleben. Papa hätte das sicher so gewollt.

Also Konzentration auf die positiven Ereignisse: dies Wochenende endlich mal wieder Turnier in Marburg, dann mit Myway Teilnahme an der dhv Deutschen Meisterschaft und dann noch bei den Qualis zur WAO. 

Morgen wird Jaro geröntgt und dann steht die Begleithundeprüfung und sein erstes Agility-Turnier an.

Aber nein, Papa, ich bin nicht mehr getrieben, ich hab jede Menge freie  Wochenenden 






 

Sonntag, 17. April 2022

Tous vas bien, mon ami ...

update: Enzo hat es nicht geschafft. Er ist noch am selben Abend gestorben. 


Der Stier trabte schnurstracks in die Mitte der Arena und scharrte mit seinen Hufen den roten Sand auf und brüllte. Misstrauisch beäugte er die weiß gekleideten Razzeteure, die sich nun vorsichtig näherten. Der Course camarguaise hat nichts mit dem spanischen Stierkampf gemein. Hier geht es um den Zweikampf zwischen dem Stier, der an seinen Hörnern Kokarden trägt, und dem Razzeteur, der eben diese Kokarden von dem Hörnern des Stieres holen will. Unbändige Kraft gegen drahtige Geschmeidigkeit, menschliche Intelligenz gegen archaische Reflexe des Stiers, der seine Kraft darauf verwendet, die Razzeteure zu verfolgen, seine Hörner in die Bande hämmert, über die seine Gegner gerade entkommen sind - oder auch mal selbst über die Bande springt. 



Aber dieser Stier war anders. Er blieb in der Mitte der Arena und verfolgte die Bemühungen der Razzeure nur mit wütendem Brüllen und herausforderndem Scharren. Es war klar, dass er das Spiel kannte und wusste, sie würden kommen. Zu ihm.  

Einer der ersten, der sich bis in die Mitte der Arena wagte, war Enzo. Als erfahrener Razzeteur wusste er, dass der Stier sich nicht auf die bekannten Strategien einlassen würde. Enzo kam nur auf 2 Meter an den schwarzen Koloss heran, der sofort seine Gelegenheit erkannte und mit einer für seine Tonnen erstaunlichen Geschwindigkeit durchstartete. Er war Enzo direkt auf den Fersen, als dieser den Fuss auf die Bande setzte und sich Richtung rettender Balustrade schwang. Das Publikum hielt den Atem an. Enzo strauchelte kurz und hing dann für einen Bruchteil der Sekunde in der Luft. Das reichte dem Stier. Er sprang hinter dem Razzeteur her und erreicht ihn just in diesem Moment, als er die Balustrade zu fassen bekam. Mit vollem Gewicht schmetterte er Enzo an die Mauer. Wie er es danach schaffte, noch über die Balustrade zu kommen, lässt sich wohl nur mit einer Überdosis Adrenalin erklären. Danach brach er zusammen ... und die Menschen in der Arena begannen zu begreifen, was passiert war. 

Der Stier war auf seinen Platz in der Mitte der Arena zurückgekehrt und brüllte und scharrte. Doch niemand konnte seine Aufmerksamkeit von der Stelle abwenden, wo Enzo zusammengebrochen war. Seine Kameraden waren bei ihm, auch der Wettkampfleiter, jemand brachte eine Trage und eine Sauerstoffflasche. Es sah deutlich so aus, dass Herzlungen-Wiederbelegung erforderlich geworden war.

Roman, der Freund meiner Tochter, eigentlich Neurochirurg, hatte zum Glück gerade eine Fortbildung als Notarzt gemacht. Als erkennbar war, dass hier niemand so richtig einen Plan hatte, stand er auf und ging zum Verletzten. Endlich öffnete auch jemand die Tür zum Toril und liess den Stier aus der Arena. Nach einer fassungslosen Weile sahen wir. dass Enzo nun auf eine Trage gelegt und in den Innenbereich der Arena gebracht wurde. Roman war an seiner Seite. Meine Tochter und ich sahen uns an, hatten Tränen in den Augen, wussten nicht, ob der junge Mann noch lebte. Eine Dreiviertel Stunde nach dem Unglück kam endlich die Durchsage, dass Enzo stabil sei. Später hörte man einen Helikopter, der über der Arena kreiste und dann am Hafen landete. Fast eine Stunde war mittlerweile vergangen. Roman gesellte sich wieder zu uns, auch ziemlich geschockt und gezeichnet von seinem Einsatz. Nur erfuhren wir aus erster Hand, dass Enzo nach seinem Pneumothorax stabilisiert werden konnte und gute Aussichten auf völlige Genesung hat. Roman meinte, er hatte nicht viel tun können außer Zugang legen und alles überwachen. Und er hielt Enzos Hand und sage: "Tout va bien, mon ami". 




Der Course camarguaise wurde dann abgebrochen. 

Im zarten Alter von 11 Jahren nahmen meine Eltern mich und meinen Bruder mit in ihr "gelobtes Land". Damals hatten wir ein Zelt und ich eine undichte Luftmatratze. Essen gehen konnten wir uns nicht leisten, es gab Orangina und Pizza aus dem Straßenverkauf. Das kleine blonde Mädchen verliebte sich unsterblich in einen blonden Guardian, der auf seinem weißen Pferd immer am Campingplatz vorbei ritt und die unvergleichlichen Farben und das Licht des Süden. Die Schwärmerei für den jungen Mann verblasste schnell, aber die Liebe zur Camargue zog mich immer wieder in das wilde Land der schwarzen Stiere, der weißen Pferde, der rosa Flamingos und unzähliger Vogelarten. Insgesamt war ich weit über 20 Mal im unserem gelobten Land. Immer dabei bei allen Reisen waren meine Eltern. Alle ihre Enkel haben hier die ersten Schritte gemacht und laufen gelernt. Jeder Platz ist voll von Erinnerungen. Ich war mir fast sicher gewesen, dass ich nach dem Tod der beiden keinen Schritt mehr in die Camargue setzen würde. Aber Charlotte, meine Jüngste, wollte ihren Geburtstag dort feiern, ihrem Roman alles zeigen und auch meine Älteste wollte so gerne mal wieder ins Rhonedelta. Da unter dem neuen Betreiber des Camping La Brise pro Mobilhome nur je ein Hund erlaubt ist und mein Mann die 1000 Kilometer nicht für eine Woche mit dem Hänger fahren wollte, durfte nur Jaro mit ans Meer.  




Als ich in der Nacht zum 9. April aus dem Fenster blickte, traute ich kaum meinen Augen. Überall Schnee. Und es schneite immer weiter. Gegen 2 hörte es auf zu schneien und wir beschlossen, wir starten jetzt. In Darmstadt war kein Schnee mehr, dafür ab Heidelberg wieder bis fast nach Bruchsal. Die Überholspur war komplett vereist, die ersten Schneeräummaschinen waren im Einsatz und sprühten Funken mit ihren Schaufeln auf dem Asphalt. Nach Freiburg wurde es trotz Kaffee immer schwerer, wach zu bleiben. Trotz der Pausen, damit Jaro die Füße vertreten konnte und Frauchen den Wachzustand aktivieren, erreichten wir gegen Mittag Arles und fuhren dann über Le Sambuc die Ostrandtour. Wetter war herrlichst. Am Wasserwerk sahen wir Braune Sichler, Bruchwasserläufer und Flussuferläufer, Purpurreiher und natürlich alles an Möwen. Auf dem Weg nach Maries erfuhren wir dann, dass der Check-in im Mobilhome tatsächlich erst um 16 Uhr möglich war. Also ließen wir uns Zeit und tranken im Maries dann noch ein Bierchen. Mobilhome-Nachbarn waren Charlotte und Roman, Piti und Mag waren auch nicht weit weg und ich ging erst mal mit Jaro ans Meer. Danach war ich froh, einen guten Bademantel für ihn zu haben ...




Abendessen im Tamaris an der Kirche. Soup Poissant, Gardian le Toraux und Mousse au Chocolat. Dazu Vin und davor Pastis. Im übernächsten Lokal war dann Livemusik mit einer Flamenco-Tänzerin. Wir machten Party auf der Straße mit Mojito und auf dem Heimweg übte ich mit Jaro noch "Zu" und "Weg" auf dem Marktplatz ... 




Am nächsten Morgen ging es dann gleich wieder ans Meer ... und so trieben wir durch die Tage. Ich freu mich auf September. Wir werden diesmal alle nach Maries fahren - auch Peter, Hope und die Shelties. Dafür dann ein bisschen länger ... tout vas bien, mon ami.



Donnerstag, 7. April 2022

Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war oder wie es sein sollte ...

"Ich bin irgendwo an einem mentalen und emotionalen Punkt im Niemandsland angekommen, wo ich vollständig orientierungslos bin. Ich dachte, Fly hätte mir alles über Hunde beigebracht. Aber wenn sich die Schwierigkeit nach Außen richtet, kann man ganz anders damit arbeiten. Aber die Probleme zwischen Jaro und Myway beeinträchtigen meine Lebensqualität rund um die Uhr. Genau genommen ist das kein Leben mehr. Es zerreißt mich. Es nimmt mir Kraft, die ich nach dem Tod von Fly und meinen Eltern nicht habe. Ich frage mich die ganze Zeit, wie ich mich auf den Urlaub mit Jaro, auf das Seminar freuen soll, wenn ich gar nicht weiß, ob es wirklich Sinn macht, ihn bei mir zu behalten. Er ist noch so jung und kann ein tolles Leben haben, von dem ich gerade nicht weiß, ob ich ihm das bieten kann. Ich frage mich, was ich fühlen würde, wenn Jaro nicht mehr da wäre. Ihn wegzugeben wäre Scheitern. Irgendwie bin ich noch nie so wirklich gescheitert bis jetzt ..."

Dieses Statement habe ich Ende Januar geschrieben. Vorangegangen war eine heftige Auseinandersetzung zwischen  Jaro und Myway an Heiligabend. Ich kann diese Bilder immer noch nicht aushalten, obwohl letztendlich nichts passiert ist. Also keine sichtbaren Wunden (außer Peters Finger als Myway ihn getackert hat beim Versuch, die zwei zu trennen). Emotional waren wir alle im völlig verstört. 

Mein Versuch, mit den beiden mit Maulkorb spazieren zu gehen, endete in einer wilden Beißerei - zum Glück haben die Maulkörbe gehalten. 

Während ich den Vorfall an Heilig Abend eher Myway zuschreibe, war es hier definitiv Jaro, der Myway gestellt und angegriffen hat. 

Warum ich das nun alles schreibe? Zum einen dient es dazu, so einiges endlich mal zu verarbeiten. Zum anderen hilft es vielleicht anderen, die in ähnliche Situationen kommen.

Mich von Jaro zu trennen, wäre das Zweitschlimmste auf der Welt gewesen. Denn Myway wegzugeben, war völlig undenkbar. Er wäre vermutlich nirgendwo auf der Welt wieder wirklich glücklich geworden. Und ich ohne ihn auch nicht. Myway ist und bleibt halt unser kleiner Prinz.

Die einzige Alternative war kompetentes Training. Mir war mittlerweile doch klar geworden, dass ich Jaro gerade bei seinem Hüteverhalten viel früher hätte entgegen treten müssen. Und auch bei den Shelties lag einiges im Argen - diese Kläfferei nervte schon extrem. 

Als erstes buchte ich einen Onlinekurs "Hunde richtig führen" bei Linda Sikorski. Das war schon ein echter Augenöffner zu merken, dass mir mein Rudel ganz charmant auf der Nase herumtanzte. Aber auch, wie schnell man mit konsequentem Eingreifen eingefahrene Verhaltensmuster ändern kann. Den Shelties flogen so einige Flaschen um die Ohren - seitdem ist es ruhiger. Gerade Lasse würde ich allerdings nur mit einer Stimmband-OP endgültig zum verstummen bringen ...

Dann bekam ich doch den Termin bei Rico Haffner, den sie ja alle "den Besten" nennen. Kann ich mittlerweile voll bestätigen. Und seine erste Frage war tatsächlich: Wie viel bist du bereit auszuhalten und zu investieren (nicht nur finanziell) um beide Hunde zu halten? Meine Antwort: Alles, oder zumindest fast alles. Wenn es für alle Menschen und Hunde eine echte Perspektive gibt. 

Bei unserem erstem Termin stellte sich schnell heraus, dass Jaro und Myway sich zwar noch recht suspekt waren, aber keine echte Aggression zu spüren war. Das gab dann auch den Ausschlag, weiterzumachen. 

Rico brachte mir nun alles bei, was Fly irgendwie übersehen hatte. Körpersprache. Souveränität.  Bruce Willis. 

Ich war nie besonders autoritär. Weder bei meinen Hunden, noch meinen Kindern oder dem Rest der Welt. Wenn mir mal was nicht passt, bin ich eben zickig. Hat bis jetzt funktioniert - womit klar ist, dass mir diese kleine haarigen Biester mal wieder was beibringen wollen ...

Aber da habe ich schon sehr dazu gelernt. Selbst ein fast verhungertes Sheltie kann ich wortlos aus der Küche scheuchen ... Bei Jaro ist das alles eh überflüssig. "Ich soll aus der Küche? Okay. Ich soll vom Sofa? Kein Problem? - Wobei auch Jaro mich wesentlich ernster nimmt bei meinen Ansagen ...

Das nächste Standbein war dann eher esoterisch. Pia Schmitt hat mit Jaro und Myway mal "gesprochen". Und letztendlich hat das mein eigenes Bauchgefühl bestätigt. Jaro ist schon klar, dass er falsch reagiert hat - und Myway fühlt sich völlig im recht. 

Also weiter trennen. Die ersten Spaziergänge mit Maulkorb waren Stress pur für mich. Adrenalinschock - obwohl nichts passiert ist. 

Dann Spaziergänge mit Freilauf. Nie war auch nur ein Hauch von Aggression oder Aversion zu spüren.

Letztes Wochenende dann Indoor-Begegnung mit Maulkorb.

Heute der erste Spaziergang ohne Maulkorb, wobei ich die beiden nur abwechselnd im Freilauf hatte. 

Zurück dann drinnen alle ohne Maulkorb. Jaro wirft sich auf den Rücken um sich den Bauch kraulen zu lassen. Myway stand direkt daneben. 

Ich denke, wir sind auf einem sehr guten Weg.



Mittwoch, 17. November 2021

Es könnte schlimmer kommen, dachte ich. Und ich behielt recht - es kam schlimmer ...

Heute ist einer der Tage, wo ich am liebsten bei einer Telefonseelsorge anrufen würde. Einfach reden, über meinen Kummer, meinen Schmerz, meine Verzweiflung. Mama! Sie lebt - noch. Und ich liebe diese kleine alte Frau so sehr, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Vorhin hatten wir so einen innigen Moment, als wir uns umarmt haben. Aber ich verstehe ihre Sprache nicht mehr. Sie hat meine Welt und unsere gemeinsame Sprache schon seit Tagen verlassen. Sie redet mit mir, will mir etwas mitteilen, dass ihr auf der Seele brennt. Aber ich verstehe die Worte nicht. Wie damals in Korea höre ich zu, gebe empathische Laute von mir und Bestätigungsgrunzen. Aber ich wüsste so gerne, was sie sagt. Bevor ihre Stimme auf immer vestummt. Aber wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, dann wäre ich glücklich, ihre Simme zu hören auch wenn ich die Worte nicht verstehe.

Jeden Morgen, wenn ich die Tür aufschließe, schwanke ich zwischen der Sorge, dass sie nicht mehr ist - und der Hoffnung, dass sie Papa endlich gefolgt ist. Heute ist die letzte Nacht in ihrem alten Zuhause. Ein paar Tage ist sie noch bei meinem Bruder und dann hat sie ein Zimmer in einer Seniorenresidenz. Zumindest ist genug Geld da, dass sie einen schönen Platz haben kann. Ich bringe vor ihrem Einzug noch ihre Lieblingsbilder und Dekoschnacks.

Meinen Geburtstag feiere ich dann in der DWA beim Agility. Auch ohne die aktuelle Entwicklung war meine Begeisterung für eine rauschende Feier eher gering. 

Am 21. Juli war die Welt noch rund. Papa hat eine Rede gehalten und die Feier genossen. Mama war nicht gerade mit Appetit gesegnet, aber sie war voll da. 

Jetzt ist Papa tot. Mama lebt, aber wir können uns nicht mehr verständigen.

Und Fly ist auch über die Regenbogenbrücke gegangen. Irgendwie könnte jetzt gut sein, oder ...

Samstag, 23. Oktober 2021

All about Jaro - vom Welpen zum Junghund


Irgendwie werden sie viel zu schnell groß. Eben war da noch ein süßer knuddeliger Welpe - und jetzt ist da ein wunderschöner Junghund mit den ersten Flausen im Bollerköpfchen. Dabei ist er immer äußerst kooperativ und gibt sich sehr viel Mühe, alles richtig zu machen. 

Da Klein-Jaro natürlich irgendwann die Agility-Szene aufmischen soll, haben wir ein umfassendes und umfangreiches Trainingsprogramm. (Achtung, könnte Spuren von Ironie enthalten ...)

Der erste und wichtigste Punkte für mich war, das er lernt runterzufahren und zur Ruhe zu kommen. So ein kleiner Border hat ja einen eingebauten Selbstzerstörungsmechanismus - und immer wenn Klein-Jaro durch die Wohnung gepest ist und nur knapp an Hindernissen wie Wänden, Türen und Schränken vorbeikam, hab ich ihn auf den Arm genommen und leise "müüüüüüdääää" gesagt. Manchmal hat das tatsächlich gereicht, ihn dabei wie ein kleines Kind im Arm zu halten und dann konnte ich ihn wieder runter lassen. Meist musste er aber in seiner Box runterfahren. Das hat er sehr schnell verstanden und angenommen. 



Bindung war der nächste zentrale Eckpfeiler. Recall (also es kommt, wenn man es ruft), Berührungen überall tolerieren und sogar rankommen, um angefasst zu werden und gemeinsames Jagen - mangels Hasen und Frauchens Tempo mussten hier Spielzeuge herhalten. Dieser Baustein umfasst zergeln genauso wie das Wettrennen zu toter oder von Frauchen gezogener Beute. Lieben Dank an den tollen Onlinekurs von Anna Hinze zum Thema Basics für Sporthunde. 

Balance, Koordination, Aufbau der Muskulatur sind natürlich für einen zukünftigen Sporthund ebenfalls unverzichtbar. Hindernisparcours durchs Wohnzimmer über verschiedenste wacklige Untergründe, laufen über Baumstämme - das meiste davon habe ich geshaped - die Baumstämme haben die Shelties vorgemacht. 






Mutig sein war für Jaro ein wichtiges Thema. Außerhalb seiner Komfortzone war er eher zurückhaltend - seine Masche war, sich einfach hinzusetzen und zu beobachten. Und gegebenenfalls den Rückwärtsgang einzulegen. Gar nicht so dumm, findet meine Mama. Wir haben in homöopathischen Dosen die Herausforderungen erweitert, ich bin immer wieder auch mal allein mit ihm los, damit er sich nicht nur im Rudel verstecken konnte. Einmal sind wir sogar dem Kerbumzug hinterher marschiert - immerhin ein Bollerwagen mit Musik und mehr oder weniger nüchternen Begleitpersonen. Während des Umzugs haben wir nette Nachbarn mit 2 Shelties getroffen und einfach nur auf dem Boden gesessen und uns unterhalten und die Hunde haben gespielt. Auch in den Agilityhallen, die ja meist furchtbar laut und hektisch sind, hat Jaro durch das Treffen anderer Welpen oder Menschen das alles positiv verknüpft und ist heute schon ganz schön mutig und draufgängerisch geworden. Bedrohliche Sachen bellt er jetzt mit gestellter Bürste an - unsere nächste Herausforderung. Soll ja nicht langweilig werden.

Sitz. Platz. Bleib. Ran. Üben wir natürlich auch. Links. Rechts. Das sind alles so kleine Zwischendurch-da-war-doch-was-Lektionen. Dazu zähle ich jetzt auch mal Impulskontrolle. 

Die Agilityterrasse ist mittlerweile im Keller. Und die letzte Übung auf dem Video dient weniger der Vorbereitung von Runnings als der Vorbereitung des Geräts  und dem Focus von mir weg auf den Futterautomaten bzw. die Zone. Letzeres war gar nicht so einfach. 




So insgesamt gesehen, trainiere ich am Tag so 5-10 Minuten. Und da ist Impulskontrolle beim Füttern, zergeln und Recall beim Spaziergang schon inbegriffen. Ja, die Ausbildung eines Borders ist schon extrem aufwändig und kostet viel Zeit ... Und wenn man in Social Media nun mal nicht die 23 Stunden und 50 Minuten nix passiert postet sondern die 5 Minuten Training ist man halt ratzfatz der Ehrgeizling, der seinen Hund mit vielzuviel kaputt macht. 

Aber über Jesus hat man ja auch gesagt, er könne sicher nicht schwimmen, weil er übers Wasser laufen muss ... 

Sonntag, 17. Oktober 2021

Good bye my Fly good bye ... wenn das Laufen zu mühsam ist, wachsen ihnen Flügel ...

 

Ja, wie man so schön sagt, er hatte das Alter. Und ja, er hatte ein schönes Leben, auf das bei seiner Geburt wenig hingedeutet hat. Und, ja, es war absehbar und trotzdem kann man sich auf diesen einen Moment nicht vorbereiten. Ganz plötzlich ist es nicht nur eine Möglichkeit, sondern bittere unabwendbare Realität.

Anfang der Woche sagte meine Mutter noch, wie glücklich Fly in seinem Rudel wirkt ... 

Mama war zum Essen da und Fly lag unter dem Tisch an ihr Bein geschmiegt. Keiner hat gemerkt, was passiert ist. Als wir Gassi gehen wollten, konnte er nicht mehr aufstehen. Verlor das Bewusstsein. Wir haben ihn dann auf seinen Lieblingsplatz gelegt, das ganze Rudel war um ihn. Der kleine Lasse hat sich zu ihm gekuschelt. Irgendwie haben wir gehofft, das sein Herz von ganz alleine aufhören wird zu schlagen ... 

Aber Fly kam wieder zu Bewusstsein, konnte immer noch nicht aufstehen und sah mich nur an. Der Tierarzt war schon informiert, ich wickelte ihn in seine Decke und hielt ihn auf der Fahrt in meinen Armen. Und natürlich hielt ich auch in den letzten Momenten seine Pfote - nächsten Monat wäre er 15 Jahre an meiner Seite gewesen ... für immer in meinem Herzen und dein Schatten wird immer an meiner Seite sein. Grüße bitte Donna von uns ... 






















Donnerstag, 26. August 2021

Das Schicksal ist ein mieser Verräter ...

 



Es ist unfassbar, wie schnell es gehen kann. So richtig begriffen habe ich es noch noch nicht, das mein Papa nicht mehr da ist. Der Versuch, all das in Worte zu fassen, führt unweigerlich zu Tränen.

Am 21. Juli haben meine Eltern noch Diamantene Hochzeit gefeiert. Mit Familie und ein paar Freunden im Dieburger Schloss, mit Austern, Gambas, Carpacchio und allem was mein Vater so gerne isst. Ein wirklich gelungenes Fest, er hat noch eine tolle Rede gehalten - ein kurzer Abriss seines Lebens mit Mama - so als würde es noch eine Fortsetzung geben.

4 Tage später haben seine Beine ganz plötzlich den Dienst versagt. Wäre ich nicht da gewesen und hätte den Notarzt alarmiert, wäre es für ihn sicher besser gewesen. Aber vielleicht brauchten wir diese Zeit, um uns zu verabschienden. Wir alle. 3 Wochen Krankenhaus, Infusionen, Bluttransfusionen, Harnkatheder, Infektion, Antibiotika, Lungenentzündung - und wir konnten ihn coronabedingt nur einmal am Tage besuchen, immer nur eine Person, anderthalb Stunden ...

Papa hat dann aufgegeben. Fast nichts mehr gegessen, weigerte sich, seine Hörgeräte zu tragen und damit war der Kontakt zur Umwelt weitgehend ausgeblendet. Schließlich hat Papa die weitere Behandlung verweigert. Da das Krankenhaus nichts mehr für ihn tun konnte,  kam Papa dann nach Hause - und wir wussten, dass es das Ende sein würde. Über die Mutter einer Schulfreundin meiner Ältesten haben wir zumindest ein kompetentes und engagiertes Palliativteam an unserer Seite gehabt. Dies alles ist eigentlich nicht Thema meines Blogs - aber ich muss mir das alles irgendwie auch von der Seele schreiben ... Die letzten Tage werde ich mein Lebtag nicht vergessen ...wie bitter der Tod gnadenlos Menschen aus unserer Mitte reißt, die qualvoll sterben und wir können nicht helfen.


                                    


Quercus, die Eiche. So hieß der letzte Irish Setter meiner Eltern. Und unter einer Eiche wird Papa im Ruheforst auch seine letzte Stätte finden - so hat er das gewünscht. Dass seine Kohlenstoffe in den Boden übergehen und den Baum nähren, in dem er dann fortlebt.



Mein Vater war ein charismatischer Mensch. Und er prägte nicht nur meine Kindheit, sondern letztendlich mein ganzes Leben. Meine Liebe zur Natur, zu Tieren, mein Interesse an Ornithologie - das Glück und die Zufriedenheit, die ich in kleinen Dingen zu finden vermag, all das ist das genau sein Werk wie das mein nimmermüdes Streben nach Perfektion und Erkenntnis, nie halbe Sachen machen.


Mein Vater ohne sein Fernglas war ein seltener Anblick. Alle Kontinente hat er bereist, winzige Kolibris haben ihn genau so begeistert wie die riesigen Kondore in den Anden.


Unsere letzten Urlaube führten uns weniger in die ehemals geliebte Camargue, die leider viel zu touristisch geworden war. Das Foto oben zeigt Papa auf den Spuren Helmut Drexlers am Galenbeker See. 



Sportlich war Papa eigentlich nur zu PR-Zwecken. Hier werden die neuen Tischtennisplatten auf dem Spielplatz im Zoo Heidelberg publikumswirksam eingeweiht. 


Die Einweihung der Robbenanlage im Zoo Heidelberg mit Fritz Ebert und dem OB Zundel - mit einem Schlüssel voller Fisch. Papas Talent für Marketing und PR haben dem Aufbau des Zoos sehr geholfen.


Die Einweihung des neuen Menschenaffenhauses - mit dem Segen des Heidelberger Perkeo und natürlich OB Zundel.








Papa hatte das Talent, medienwirksam zu agieren. Das war aber kein Selbstzweck, sondern immer im Interesse seines Zoos im Besonderen oder des Naturschutzes allgemein. Vor seiner Flucht in den Westen, wollte er Förster werden. Das wäre sicher auch ein passender Platz für ihn gewesen, obwohl die immer absurderen Gesetze zum Thema Tierschutz ihm daran sicher auch den Spaß verdorben hätten. Strafbar macht sich, wer eine Feder aufhebt - in vielen Publikation rechnet Papa gnadenlos mit Ignoranz, Lobbyismus und Dummheit ab. 




Meine Mama war immer an seiner Seite, hat unzählige Tierkinder groß gezogen, alle Publikationen, Artikel, Berichte, Zooführer und Reden getippt. Damals noch auf der Schreibmaschine und später auf dem Schreibcomputer - einen richtigen PC hat es bei uns nie gegeben. 


Gesellige Runde mit Freunden ...



Vor Corona waren  Krankenhäuser doch ein besserer Ort. 



Auf der Suche nach dem blauen Laubfrosch - das war das Motto unserer vielen Camargue-Reisen. Meine Eltern immer mit dem Wohnmobil, wir erst im geliehenen Womo, später im Mobilhome auf dem Camping La Brise, später dann mit dem Wohnwagen. Papas Enkel haben alle in der Camargue laufen gelernt. 

Jeder, der Papa kennt, kennt seinen Lebenslauf. Trotzdem hier eine kurze Zusammenfassung. Wie schnell passiert es doch, das die Erzähler plötzlich verstummen.

26. März 1935 wurde Papa in München geboren. Die prägenden Jahre seiner Kindheit hat er im Erzgebirge bei seiner Oma Milda und den Taten Lotte und Reni verbracht. In Haus Neu-Heidelberg in Bad Elster. Wir Kinder und Enkel können die Geschichten, wie er mit Oma Milda in Wald und Moor unterwegs war, auswendig. Zum Glück, denn er wird sie nie wieder erzählen. 

Am Braunschweiger Kolleg machte er dann sein Abi - das durfte er in der DDR nicht, weil sein Vater ja Staatsfeind war (Opa Kurt war Ulan und ist in Bauzen qualvoll verhungert - unschuldig übrigens, die Denunziantin war lesbisch und scharf auf meine Oma ...) - und studierte dann Zoologie, promovierte über Kolibris. In Braunschweig lernte er meine Mama kennen und die zwei wurden ein Paar. Hier zahlte sich die Hartnäckigkeit meines Vaters definitiv aus, denn Mama war sich erst mal so gar nicht sicher, dass hier gerade der Mann ihrer Träume um sie warb. Aber ich glaube, Papa hat in seinem Leben fast alles bekommen, was er wirklich wollte. Und so wurde dann am 21. Juli 1961 Hochzeit gefeiert. Am 26. November kam ich auf die Welt, 4 Jahre später promovierte Papa und wir zogen dann nach Duisburg, wo er im Zoo als Assistent eine Stelle bekam. Damit wuchs ich quasi von Anfang an mit Tieren auf - erst im zoologischen Institut und dann im Zoo Duisburg, ab 1972 dann im Zoo Heidelberg, dessen Leitung Papa übernahm. Vorher, 1969 wurde noch ein Bruder Dierk in Duisburg geboren. 

Der Zoo in Heidelberg war in desolatem Zustand. Und bot den vielfältigen Talenten und Fähigkeiten meines Vaters ein dankbares Terrain. Wir wohnten direkt im Zoo. Hörten nachts die Pfauen und Elefanten, später auch die Bären und Löwen. Papa hatte mehr oder weniger einen 24-Stunden-Job. 

Aus dem hässlichen Entlein wurde ein stolzer, international renommierter Schwan. Diverse Erstzuchten, 10 Orang-Utan-Babies, Brutkasten neben dem Wohnzimmer, daneben die Aufzuchtstation für zahllose Vogelkinder, Listztäffchen, unser Garten war eine Forschungsstation mit freifliegenden Kolibris ...

Meine Eltern reisten durch die Welt, als zoologische Reiseführer und zu Kongressen und Tagungen, zum Beispiel zum internationalen Zoodirektoren-Verband, dessen Präsident Papa war. 

1989 dann Ruhestand. Vorzeitig, weil die Gegebenheiten einfach nicht mehr so waren, wie Papa arbeiten wollte. Zeit für die Enkel, für Reisen, für Familie. Zunächst in Schaafheim und später in Altheim bei Münster. 

Ich bin dankbar. Papa gekannt zu haben. Seine Liebe und auch seinen Respekt gewonnen zu haben. 

Mein Vater hat immer gesagt, irgendwo da oben im "Himmel" ist ein langer Tisch, an dem alle sitzen, die nicht mehr auf Erden sind. Dort werden wir uns alle irgendwann wiedersehen und zusammen reden und lachen und feiern. Papa hatte immer recht - da wird das sicher auch stimmen ...