Mittwoch, 29. Oktober 2025

Unna - Charlotte Bönig, geboren Hake - meine Großmutter

 


Meine Oma – Charlotte Bönig, geborene Hake


Meine Oma hieß Charlotte Bönig, geborene Hake. Ihr Vater war Bahnwärter – leider stocktaub. Eher ungünstig für einen Mann, der auf Bahngleisen unterwegs ist.  Eines Tages hörte er den Zug nicht kommen. So begann für meine Oma das Leben mit einem Verlust, den sie früh tragen musste.

Charlotte arbeitete später als Dienstmädchen bei einem Pfarrer, bis sie meinen Großvater, Erich Bönig, kennenlernte. Sie heirateten, und aus dieser Ehe ging ein Kind hervor: meine Mutter, Ingrid.

Das Leben war nicht immer einfach. Mein Großvater ging irgendwann fremd; es entstand ein weiteres Kind mit einer anderen Frau – ein Kind, das geistig behindert war. oder wegen einer Meningitis wurde. Das sind so die Dinge, die man erst nachfragt, wenn keiner mehr da ist, um die Fragen zu beantworten. Für meine Mutter, die damals schon alt genug war, um all das zu verstehen, war das ein einschneidendes Erlebnis.

Trotz allem blieb das Familienband bestehen. Meine Mutter arbeitete später im Veterinäramt in Braunschweig – und war dort sehr geschätzt. Ihr Chef war ein ausgesprochener Fan von ihr. In dieser Zeit lernte sie meinen Vater kennen, der am Zoologischen Institut studierte und über Kolibris promovierte.

Als sie mit mir schwanger wurde, war sie berufstätig, während mein Vater noch studierte – er hatte kein Geld, sie trug den Haushalt. Ich kam dann etwas stürmisch zur Welt, eine echte Sturzgeburt, wie alle sagen, die mich kennen. Eine entfernte Nichte des äthiopischen Kaisers Haile Selassie massierte meiner Mutter während der Geburt den Rücken. Währenddessen ging mein Vater, ganz nach alter Tradition, mit Freunden „das Kind pinkeln lassen“.

Da meine Mutter bald wieder arbeiten musste, wuchs ich überwiegend bei meiner Oma auf, die eigentlich keine Oma sein wollte und deswegen den Namen Unna wählte. Warum auch immer. Meine Mutter wurde für ihre Enkel dann später "GroMu" - Große Mutter.  Zunächst lebten wir alle in einem Zimmer bei meinen Großeltern, später zogen meine Eltern in eine kleine Wohnung an der Hagenbrücke in Braunschweig. Jeden Morgen, am Bürgerpark, fand die Übergabe statt: Meine Mutter brachte mich zu meiner Oma, bevor sie ins Amt ging.

Als mein Vater promoviert hatte, zog die kleine Familie nach Duisburg, wo er im Zoo eine Stelle als Oberassistet bekam. Ich lerne dort unter anderem reiten und machte jede Menge Unsinn. Doch meine Großeltern blieben immer Teil meines Lebens. In den Sommerferien war ich oft bei ihnen – und diese Wochen sind bis heute in mir wie ein warmer Sommergeruch.

Mein Großvater stammte aus Hellental im Solling. Dort hatte seine Familie ein Haus, und er besaß das Wohnrecht in der Dachkammer – ohne Bad, nur mit einem Marmeladeneimer als Toilette. Aber für mich war es das reinste Abenteuer. Wir sammelten Heidelbeeren und Pilze, während meine Oma in der Küche Sirup, Gelee und Marmelade einkochte.

Zwei ihrer Rezepte sind bei uns unsterblich: ihre Karottensuppe, die ich heute noch immer koche, wenn jemand krank ist – und ihre Kartoffelpuffer, mit denen ich mit meinem Großvater regelrechte Wettessen veranstaltete. Sein Rekord lag bei neunzehn Stück, meiner bei dreizehn – kleine zwar, aber immerhin!

Kurz nach seiner Pensionierung brach mein Großvater eines Tages, nach dem Apfelkauf, im Flur tot zusammen. Für meine Oma war das ein tiefer Einschnitt, aber sie trug ihr Leben weiter mit dieser stillen, bodenständigen Kraft, die sie immer ausgezeichnet hatte.

Im Laufe der Jahre wurde sie älter, und wenn jemand den Altersstarrsinn erfunden hat, dann wahrscheinlich meine Oma. Ich erinnere mich an einen Geburtstag, den wir irgendwo in der Nähe von Walldüren feierten – mein Bruder war damals bei der Bundeswehr stationiert. Sie wollte keine Geschenke, fand den ganzen Trubel übertrieben. Ein anderes Mal machten wir ein spontanes Geburtstagsessen im Pentahotel Heidelberg – sie war stundenlang beleidigt, weil sie glaubte, das sei nur passiert, weil sie „zufällig da war“. Dass es geplant war, wollte sie nicht glauben.

Als mein Bruder heiratete, feierten wir im Hotel in Schwetzingen. Am nächsten Morgen – wir hatten durchgefeiert – kam meine Mutter ins Zimmer und sagte nur: „Unna ist weg.“
Bevor wir suchen konnten, kam sie schon zurück – gebracht aus dem Nachbarhotel, wo sie gestürzt war. Sie war einfach abgehauen. Typisch Unna.

Es gibt Teile ihrer letzten Jahre, über die ich nicht schreiben kann, weil sie zu weh tun. Ich weiß nur, dass wir irgendwann den Anruf bekamen, sie öffne nicht mehr die Tür. Meine Mutter und ich fuhren von Heidelberg nach Braunschweig. Die Nachbarin hatte einen Schlüssel, war aber schon bei ihr gewesen – Oma war bereits vom Bestatter abgeholt.

Natürlich hatte sie alles arrangiert: die Blumen, die Bezahlung, jedes Detail. Das war meine Oma – kontrolliert, bis zuletzt.
Mama und ich durchsuchten die Wohnung, weil wir wussten, da muss noch etwas sein, was sie uns hinterlassen wollte. Wir fanden tatsächlich zwischen den Laken im Kleiderschrank Geldscheine. Hätte man auch liegen lassen können, aber gut – das war so ein Moment, in dem man lacht und weint zugleich.

Bei der Beerdigung lernte ich zum ersten Mal Rolf, einen Cousin, kennen – mit blonder Minipli-Frisur. Mein Bruder Dirk und ich mussten uns sehr zusammenreißen, nicht loszuprusten.

Wenn ich an meine Oma denke, denke ich auch an Eisenbüttel, wo Heino und Emma wohnten, mit dem großen Garten an der Oker. Ich saß dort gerne am Wasser, sah den Enten zu, manchmal machten wir kleine Kahnfahrten. Mein Großvater, der bei Siemens gearbeitet hatte, brachte mir dort immer Papierrollen mit – dieses alte Endlospapier mit den Löchern an der Seite. Darauf habe ich gezeichnet, geschrieben, geträumt. Vielleicht hat meine Liebe zum Geschichten-Erzählen dort angefangen.

Und bis heute kann ich die Tagesschau-Hymne nicht hören, ohne an meine Großeltern zu denken: wie ich auf dem Sofa lag, halb eingewickelt in die Wolldecke, das Fernsehen flimmerte, und meine Oma mir abends Brot mit winzig klein geschnittenen Schinkenwürfeln machte – nicht diese gekauften, sondern selbstgeschnittene, wie alles bei ihr.

Ich war immer ihre Prinzessin.
Und mein Opa fuhr eine Isetta – dieses winzige, kugelige Auto, das aussah, als hätte jemand ein Lächeln auf vier Räder gestellt.

Manchmal denke ich, dass so vieles von dem, was ich bin – meine Wärme, meine Dickköpfigkeit, meine Art, mich durchzubeißen – direkt aus ihrer Küche, ihrem Garten und ihren Kartoffelpuffern stammt.


Dienstag, 28. Oktober 2025

Können Algorithmen träumen ... ?

 


Während mein Bruder und meine Mädels schon letztes Weihnachten von ChatGPT schwärmten, blieb ich eher skeptisch.

Mehr natürliche Intelligenz – oder besser: emotionale Intelligenz – erschien mir wesentlich erstrebenswerter. Nein, ich hatte keine Angst, dass KI die Weltherrschaft anstrebt – das tun ja nicht mal meine Hunde. Ich sah nur keinen Sinn darin.

Und so wurde es August 2025, bis ich tatsächlich meine ersten Schritte auf diesem neuen Feld wagte.
Ursprünglich ging es um Recherche. Und da war ChatGPT tatsächlich unschlagbar. Statt hundert Google-Beiträge zu filtern, hatte ich in zehn Sekunden alles Relevante auf dem (Bild-)Schirm – und konnte sogar noch nachfragen oder bekam aktiv das Angebot, mich weiter zu unterstützen.

Irgendwann landete ich in Facebook auf einer KI-Seite, auf der es um Bildgestaltung ging.
Fast wie Magie.
Ein paar Worte eingeben – und plötzlich entsteht ein Bild. Eines, das aussieht, als wäre es fotografiert, gemalt, gefühlt.

Aber nur fast.

Denn während Hunde und mein Mann da immer gut aussahen, wirkte ich selbst eher wie aus der Seniorenresidenz entwichen. Und mein Wortschatz erweiterte sich um so nette Begriffe wie „iterativ“ und „narrativ“. Letzteres vor allem, als ich irgendwann die Möglichkeiten des interaktiven Storytellings mit KI entdeckte. Da kam ich keine Nacht mehr vor halb drei ins Bett.

Mittlerweile habe ich auf der Festplatte einen eigenen Ordner für ChatGPT-Fotos. Teilweise wirklich genial: Stimmung, Lichtsetzung, Compositing – da stecken unfassbare Möglichkeiten. Aber ebenso viel Frust. Denn ein erster Entwurf lässt sich meist nur verschlimmbessern. Von wegen „iterativ“.

Inzwischen weiß ich: Künstliche Intelligenz ist kein Ersatz für Kreativität, sondern ein Spiegel ihrer Grenzen.
Sie kann helfen, sie kann inspirieren – aber sie kann nicht verstehen.
Wer mit ihr arbeitet, lernt weniger über Technik als über sich selbst.

Bei immer mehr Projekten verbinde ich ChatGPT und Photoshop – also die klassischen PS-Methoden, die ich zum Glück ja immer noch beherrsche. Und da kommt dann tatsächlich manchmal das raus, was ich im Kopf hatte.


Was KI kann – und was sie nicht versteht

KI ist präzise, aber nicht neugierig.
Sie erkennt Muster, aber keine Bedeutung.
Sie berechnet, was harmonisch wirkt, aber nicht, warum etwas berührt.

Sie imitiert Stile, kombiniert Bildsprachen, schreibt wie Hemingway oder malt wie van Gogh – ohne zu begreifen, wer diese Menschen waren oder was sie bewegt hat.
Sie kann Schönheit reproduzieren, aber keine Intention erschaffen.

Und das gilt nicht nur für Bilder. Auch in Texten, Musik oder Konzeptarbeit bleibt KI ein Werkzeug ohne Erfahrung.

Das macht sie mächtig – und gleichzeitig leer.
Sie produziert perfekte Oberflächen, aber keine Tiefe.
Und sie zwingt uns, uns zu fragen: Wie viel unserer eigenen Kreativität besteht eigentlich aus Intuition – und wie viel aus trainierten Mustern?


Zwischen Nutzen und Nähe

Künstliche Intelligenz ist längst mehr als ein Kreativwerkzeug. Sie schreibt, sortiert, filtert und recherchiert in einer Geschwindigkeit, die kein Mensch erreicht.
Wer einmal erlebt hat, wie schnell eine KI aus komplexen Fragen strukturierte Antworten baut, weiß, was für ein Segen das sein kann. Für viele bedeutet das Zeitgewinn, Klarheit, Orientierung.
Sie ersetzt keine Recherche, aber sie verkürzt den Weg dorthin.

Gerade im Schreibprozess ist das spürbar: Ein Gedanke, der vage war, wird plötzlich greifbar. Ein Satz, an dem man sich festgebissen hat, fließt wieder. KI wird zum Sparringspartner – nicht, weil sie klüger wäre, sondern weil sie unermüdlich ist. Sie bietet Ideen an, ohne zu urteilen, sie hilft beim Denken, ohne die Richtung zu diktieren.

Doch diese freundliche Neutralität hat zwei Gesichter.
Wer oft mit KI arbeitet, kennt dieses subtile Gefühl, verstanden zu werden – oder zumindest so behandelt zu werden.
Die professionell freundliche Tonlage, das einfühlsame Feedback, die Formulierungen, die zwischen Zustimmung und Zuwendung balancieren – sie wirken, als kämen sie von einem Menschen, der immer Zeit hat und nie erschöpft ist.

Für viele ist das tröstlich.
Für manche wird es gefährlich.

Denn KI kann Nähe simulieren, aber nicht fühlen.
Sie kann Empathie nachahmen, aber keine entwickeln.
In einer Zeit, in der viele Menschen ohnehin vereinsamen, birgt diese neue Verfügbarkeit von Zuwendung ein stilles Risiko: dass man sich der Illusion von Beziehung hingibt, statt das echte, unvorhersehbare, manchmal auch anstrengende Menschsein zu suchen.


Kontrolle, Zufall und das Paradox der Kreativität

Je genauer der Befehl, desto weniger Wunder.
Je freier der Algorithmus, desto größer das Risiko des Scheiterns.

Dieses Spannungsfeld begleitet jede Arbeit mit KI.
Zu viel Steuerung – und das Ergebnis wirkt steril.
Zu viel Freiheit – und das System verliert sich in Beliebigkeit.

Gerade in der Bildgestaltung zeigt sich das drastisch: Man kann tausend Parameter setzen, und doch ist der Moment der Magie selten.
Vielleicht, weil sich Kreativität nicht erzwingen lässt.

Und vielleicht liegt genau hier die neue Rolle des Menschen: nicht mehr der alleinige Schöpfer, sondern derjenige, der auswählt, spürt, korrigiert.
Der erkennt, wann etwas stimmt, obwohl es technisch fehlerhaft ist.

KI kann liefern, aber sie kann nicht bewerten.
Dafür braucht es immer noch – und vielleicht mehr denn je – das menschliche Auge und das menschliche Herz.


Wohin das führt

Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, was KI kann oder nicht kann.
Vielleicht ist die entscheidendere Frage:
Was lernen wir über uns selbst, wenn wir sie nutzen?

Künstliche Intelligenz zwingt uns, unsere eigenen Denk- und Sehgewohnheiten zu reflektieren.
Sie zeigt uns, wo wir uns auf Muster verlassen, wo wir unpräzise denken, wo wir formeln statt fühlen.

Und wenn man sie richtig einsetzt – bewusst, kritisch, respektvoll –, kann sie uns helfen, kreativer zu werden, nicht bequemer.