Donnerstag, 30. Januar 2025

Etikettenschwindel? Falsche Schublade? Der schmale Grat zwischen Information und Desinformation

 


In Social Media verfolgt mich gerade der Begriff "reaktiver Hund". Okay, Impulskontrolle hat Taran nicht gerade erfunden, aber ist ein lebhafter junger Hund reaktiv, weil er es nicht abwarten kann, das Leben und seine Umwelt zu entdecken?

Bis zu dem Agility-Training bei Flo war ich bei diesen Überlegungen eher entspannt. Aber wie mein kleiner Drache gegen Flo gegangen ist, eingefordert hat, dass er jetzt den Käse will, mein Rufen völlig ausgeblendet hat obwohl er im Gelände selbst unter Reiz super abrufbar ist, sich völlig verloren hat in seinem Gebell - das hat mich echt schockiert und vor Fragen gestellt, von denen nicht einmal wusste, ob ich die Antworten wissen will. Das nächste Training war nicht wirklich besser und auch bei Ulla war er pöbelhaft und wenig einsichtig. 

Ich war schon drauf und dran, mal die Blutwerte checken zu lassen ob da mit der Schilddrüse vielleicht was nicht stimmt. Parallel habe ich google glühen lassen zum Thema reaktiv und was man da tun kann. Klare Sache: buche einen teuren Kurs und schicke den Hund ins mentale Umerziehungslager. (Ironiemodus wieder aus)

Gespräch mit der Züchterin, weil sie ihn kennt und auch seit Jahren Drachen-Erfahrung hat. Valerie glaubte nicht an Schilddrüse, eher an pubertäre Glitzerknete im Köpfchen und dass er klare Ansagen braucht. 

Auf Tipp von Flo arbeiten wir daran, Verhaltensketten aufzubauen. Ich könnte auch sagen, ich baue Strukturen, an denen sich sein kleines Hirn festhalten kann. Bekannte Dinge, die das Chaos ordnen. Taran hat so einen großen Aufmerksamkeitsbereich, sieht Vögel über der Terrasse fliegen, hört Autos irgendwo vorbeifahren, er lernt unfassbar schnell. Letztendlich ist es schwieriger, einen so intelligenten Hund auszubilden. So ein wenig zu hochbegabt. Genie und Wahnsinn liegen halt eng beieinander. 

Unsere (neue) Verhaltenskette läuft übrigens so: Rum, ins Fuß und Sitz. Warten auf das nächste Kommando. Ich habe wirklich den Eindruck, dass es Taran so sehr hilft, wenn er weiß, was er tun soll. Wesentlich mehr als was er lassen soll. So lange er konzentriert arbeiten soll, gibt es "click und keks" - auch mal verbales Lob, damit ich auch mal ohne Keks bestätigen kann - anschließend dann Leine los und rennen. Adrenalin abbauen. Eben im Garten hatte er sein Spielzeug und er durfte es rumtragen und schütteln und knurren und Spaß haben. Dann habe ich ich gezergelt, dann "Aus" und "Rum" und "Sitz" und "Warte". Letzteres Kommando dient nur dem Vermeiden von Fehlern und wird wieder abgebaut. Dann werfe ich das Spieli und er darf erst auf "Get it" losspurten. Tarani macht das super und ich habe auch den Eindruck, dass diese Self-Control ihm richtig Spaß macht. Vermutlich weil er weiß, dass das für ihn gut und wichtig ist. 

Autorität, oder besser Autorität um der Autorität willen, ist ja nicht wirklich meins. Aber an der Arbeit mit Taran wachse ich tatsächlich und das macht richtig Spaß. Statt Wattebällchen fliegen jetzt auch mal die Schellen (Trainingsdisks, Anmerkung der Redaktion.) Parallel haben ich das Kommado "Coucher" eingeführt. Das ist so eine Art Erinnerung daran, dass er gerade dabei ist, etwas zu tun, was ich nicht so schätzen würde. Wenn er es dann lässt, wird natürlich gelobt. 

Heute im Training war Taran nicht wiederzuerkennen. Er lief ohne Bellen an lockerer Leine durch den Parcours und war dann im eigentlichen Training von meinen Korrekturen so beeindruckt, dass er gar nicht mehr weiterarbeiten wollte und sich im Tunnel versteckt hat. Das war definitiv nicht der Plan gewesen, aber es hat mir eine Seite an ihm gezeigt, die sich so nicht kannte. In der Beziehung ist er wohl wie seine Mama Britta. 

Nun liegt er freiwillig in seiner Box, die natürlich offen ist, und schläft. 

Neuer Hund, neue Herausforderung. Wenn es einfach wäre, würde es Fußball heißen. Doch das erste Mal seit dem allerersten Training bei Flo bin ich wieder optimistisch, dass Taran und ich unseren gemeinsamen Weg finden werden.